Categories: Game Thinking

Bullshitbingo braucht Mitspieler

Bullshitbingo braucht Mitspieler

Hypes und Buzzwords kommen und gehen. Consultants treiben die Sau durchs Dorf und der Rest der Welt verdreht die Augen. Aber warum machen die Businesskasper das?

Bullshit ist überall

Ich erinnere mich noch an meine erste Marketingvorlesung. Die hieß damals aber noch Absatzwirtschaft. Vorher große Vorfreude auf die Magie der BWL. Mittendrin viel Feuerwerk. Danach ungläubiges Staunen: Gesunder Menschenverstand und Binsenweisheiten mit Fachbegriffen angereichert und – immerhin schön strukturiert – auf Folien gepackt. Für sowas bekommt man einen Lehrstuhl? 


Was ich damals dachte, hat auch mal ein Journalist der ehrwürdigen FAZ aufgeschrieben: Wissenschaftssprache. 

Auch in unseren Unternehmen beschreiben wir häufig sehr einfache Dinge mit fürchterlich komplizierter Sprache. Besonders Consultants tun dies oft, obwohl viele Kunden genervt abwinken. Warum tun Sie das?

Warum reden die so?

Auch in unseren Unternehmen beschreiben wir häufig sehr einfache Dinge mit fürchterlich komplizierter Sprache. Besonders Consultants tun dies oft, obwohl viele Kunden genervt abwinken. Warum tun Sie das?


Theoretisch ist fast alles, was wir beruflich tun ziemlich einfach. Manchmal ist es kompliziert, komplex oder sogar chaotisch. Die zu beantwortenden Fragen sind aber fast immer banal: Was sollen wir tun? Wie stehen wir da? Warum haben wir nicht das geschafft, was wir uns vorgenommen haben? Warum versteht der Unterling nicht, was der Häuptling sagt? Warum kommt bei der Chefin nicht an, was bei den Indianerinnen wichtig ist?


Praktisch ist es aber häufig sehr schwierig. Die Probleme fangen an, wo Menschen mit- und füreinander arbeiten. Egal ob als Kollegen oder Kunden. Consultants können dabei helfen, diese Probleme zu lösen.
Mal angenommen, der Teamleiter geht zu

m Abteilungsleiter und sagt: „Wir haben ganz banale Problem und machen immer wieder die gleichen Fehler. Es wäre eigentlich mein Job, das zu regeln, aber ich habe hier so viel mit der Jahresplanung und den Urlaubsanträgen zu tun. Ich komme einfach nicht dazu. Kannst Du zum CEO gehen und die Freigabe für das Beratungsprojekt holen? 30 Tage à 2.000 € sollten reichen.“ Düdümm.


Geht der Teamleiter aber hin und verkauft die Story anders: „Wir müssen wie alle weltweit führenden Unternehmen auf agile Methoden setzen, um in einer VUCA-Welt langfristig erfolgreich zu sein. Scrum erhöht die Erfolgsquote von Softwareprojekten um 43% und senkt den Overhead im Projekt signifikant, während gleichzeitig die Velocity im Team steigt. Sollen die Consultants das mal pitchen?“ Könnte klappen.


Projekte brauchen einen Aufhänger. Der Aufhänger sollte im Unternehmen auch unbefleckt sein. Natürlich gibt es Themen, die konstant oder immer mal wieder bearbeitet werden müssen. Aber Themen verbrauchen sich in Organisationen und Entscheider auf höherer Ebene kanzeln Wiederholungen auch gerne mal mit „haben wir schon“ oder „können wir selbst“ ab.
Die Verwendung von gemeinsamen Sprachcodes schafft auch Zugehörigkeit.

Der eine oder andere Organisationsentwickler fühlt sich eher den dynamischen Start-ups in Berlin nahe oder den charismatischen Evangelisten. In man deren Sprache annimmt, signalisiert man: „Ich bin genau so „innovativ“ wie Ihr. Die Umwelt im Unternehmen bremst mich aber aus.“ Ich war auch mal Stadtwerker und Betroffener. Buzzwords haben aber nur bedingt dabei geholfen, Werbung für meine Anliegen zu machen.

Ist das schlimm?

Es gibt auch gute Gründe für Fachsprache. Zum Beispiel Genauigkeit: In manchen Gesprächen kann der Unterschied „Lean“ und „Agile“ bedeutend sein. Aber die Gefahr, dass es große Unterschiede in den individuellen Definitionen der Gesprächspartner gibt und man nicht das Gleiche meint, obwohl man das Gleiche sagt.


Sprache erzeugt Realität und neue Begriffe können Impulse setzen. Trotzdem sollte man es gelegentlich wie Dr. Richard Pott, der heutige Covestro-Aufsichtsrat und ehemalige Personaldirektor der Bayer AG, in dieser Anekdote tun. Nach dem Ende der Präsentation eines IT-Beraters hat er gefordert: „Schöne Folien. Aber jetzt sagen Sie mir mal in meiner Sprache. Warum ist das gut und warum sollte ich das hier machen?“

Über den Autor

Daniel Herrmann

Ehemaliger Business-Kasper | Ausgewildertes Spielkind

Ich bin Game Thinker, Consultant und fanatischer Anhänger der Theorie Y. Meine Frau findet mich unfreiwillig komisch. Maximal 2 von 100 Menschen werden in Gesprächen mit mir dümmer.

Co-Founder von Monokel Consulting, Serious PlayScape und RokaEnergy.

 
 

Mehr zum Thema Game Thinking lesen:

Innovationsframeworks – Game Thinking, Human-centered Design und Co.

Innovationsframeworks sind wie Meinungen – fast jeder hat eine. Fast jeder, der sich mit dem Thema Innovation auseinandersetzt und auf ein neues Framework stößt, hat das Gefühl „das habe ich doch schonmal irgendwo gehört.“ Viele Erfolgsrezepte im Bereich Innovation basieren auf gesundem Menschenverstand, der endlich auch im nicht immer nach logischen Prinzipien agierenden „System Unternehmen“ angewendet werden soll. Bahnbrechende neue Konzepte für Produktentwicklung zu finden ist fast unmöglich. Wie grenzt sich nun Game Thinking von anderen Frameworks ab und warum glauben wir, dass es eine Daseinsberechtigung hat?

Weiterlesen

Kreativitätstest der NASA

Die NASA hat in einem großen Test festgestellt, dass Kinder als kreative Genies geboren werden. Beim Erwachsenwerden, verlieren 98% von uns die Fähigkeit, kreative Höchstleistungen zu erbringen. Können wir unser Genie wiederbeleben, indem wir als Erwachsene mehr spielen?

Weiterlesen

Moodboard

Ein Moodboard (in etwa Stimmungstafel) ist ein Prototyp, mit dem visuelle Ideen entwickelt und vermittelt werden. Grundsätzlich vermitteln Moodboards vor allem Stimmungen und Emotionen. In wenigen Fällen werden Moodboards auch als strikte Vorgabe eingesetzt, deren Kernideen bei der Weiterentwicklung von Produkten detailgetreu beachtet werden müssen.

Weiterlesen

thesen trolllen und trompeten #1 – Matthias Lenssen

Thesen, Trollen & Trompeten ist ein Austauschformat zwischen klugen Köpfen und mir, Daniel Herrmann.

Mein erster Dialogparnter ist Matthias Lenssen.

Er schreibt mit mir über Purpose, Coaching, Design Thinking und darüber wie man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, Geld von Konzernen zu nehmen, obwohl man sich eigentlich eine enkelfähige Welt wünscht.

Weiterlesen

Hirnflattern Nummer 2 – Seenotrettung und Innovationsprozesse

Innovationsprozesse fühlen sich manchmal an wie Seenotrettung: Wenig Zeit, zu wenige Helfer vor Ort und man weiß nicht genau wen oder was man sucht.

Eine kurze Recherche hat ergeben, dass es in der Seenotrettung verschiedene Suchmuster gibt. Lassen sich die Stärken und Schwächen dieser Suchmuster auf Innovationsprozesse übertragen?

Weiterlesen

Prototyping Nutzen

Fast jeder kennt das: Im Ergebnis sollen Innovationsprojekte Nutzer begeistern. Möglichst schnell und so effizient, dass am Ende noch genug Marge übrigbleibt. Natürlich bei voller Kontrolle der Risiken im Prozess. Aber warum zum Teufel sollte man trotz des Zeit- und Kostendrucks auf dem Weg zum Ziel Geld für Prototypen versenken, von denen etliche unbrauchbar sein werden?

Weiterlesen
herby

Recent Posts

Hirnflattern 8: Kunden sind elendige Lügner

Nutzerzentrierung ist immer noch hip. So wie zu Zeiten von Walter Ulbricht „rede doch mal…

6 Jahren ago

wann ich consultants brauch und wann nicht

Die einst glorreiche Ming-Dynastie stand vor großen Problemen: Nach ein paar hundert sehr erfolgreichen Jahren…

6 Jahren ago

parkinsonsche Gesetze angst vor der digitalen transformation

Schon einmal gefragt, warum die Mitglieder des Vorstands so ungern über die digitale Transformation reden,…

6 Jahren ago

Prototyping ist wie Liebe im Karneval

Die Organisationen nutzen Prototyping, um schnell zu lernen und Produkte näher an den internen und…

6 Jahren ago

minecraft-notch-innovation-wirtschaft

Am Morgen des 14. Juni 2014 feuerte Notch – geboren als sterblicher Markus Persson –…

6 Jahren ago

Hirnflattern 7 hätte hätte zugtoilette und der beste kaffee der welt

Ich saß als junger Berater mal mit meinem Chef im ICE und habe mich über…

6 Jahren ago