Nutzen Prototyping Dimensionen

Der Nutzen von Prototyping - Mehrwert in 6 Dimensionen

Fast jeder kennt das: Im Ergebnis sollen Innovationsprojekte Nutzer begeistern. Möglichst schnell und so effizient, dass am Ende noch genug Marge übrigbleibt. Natürlich bei voller Kontrolle der Risiken im Prozess. Aber warum zum Teufel sollte man trotz des Zeit- und Kostendrucks auf dem Weg zum Ziel Geld für Prototypen versenken, von denen etliche unbrauchbar sein werden?

Innovation und Hypothesen

Innovation beruht auf Ideen oder Hypothesen, die verschiedene Fragen beantworten. Zum Beispiel: Was will mein Nutzer jetzt und in Zukunft? Was will er, obwohl er jetzt noch gar nichts davon weiß? Wie kann ich diese Bedürfnisse erfüllen? Was kostet mich das? Was will ich ihm anbieten? Wie viel möchte meine Nutzerin für meine Lösung bezahlen?


Grundsätzlich macht ein Prototyp Ideen greifbar und hilft, die zugrunde liegenden Hypothesen testbar zu machen. Das mag zu abstrakt klingen. Wie lässt sich der Nutzen von prototypischer Entwicklung genauer beschreiben?


Wir beschreiben den Nutzen von verschiedenen Prototypen in sechs Dimensionen.

1. Analyse der Herausforderung

Prototypen helfen dabei, das entscheidende Problem zu verstehen und später zu lösen. Prototypen, die besonders gut geeignet sind, um Herausforderungen zu analysieren sind häufig modellhafte Abbildungen der Realität. Diese Modelle umfassen sowohl die Gesamtsicht auf Probleme als auch detailliertere Ausschnitte von Symptomen und Ursachen. Durch Feedback von Nutzern kann bewertetet werden, ob das Problem korrekt adressiert ist oder das Thema verfehlt wurde. Genauso kann durch den Austausch mit Experten diskutiert wurden, ob das Problem vollständig erfasst wurde oder wichtige Aspekte bisher nicht beachtet wurden. Die Erstellung der Prototypen hilft, das Problemverständnis zu schärfen. Entscheider können bewerten, was wichtig ist und was nicht. Entwicklungsressourcen werden dort eingesetzt, wo es den Nutzer heute am meisten schmerzt oder wo wir ihn später am stärksten begeistern können.

2. Den Austausch im Entwicklungsteam verbessern

Prototypen können Gedanken greifbar machen. Wenn Ideen nicht gut in Worte zu fassen sind, gleichen Prototypen einem 3D-Druck der Gedanken und Ideen. In dem Moment, in dem der Prototyp als Fixpunkt für den Austausch zur Verfügung steht, lassen sich Perspektiven besser abgleichen. Das Team kann Missverständnisse aufdecken und ausräumen.

3. Nutzen kommunizieren

Gegenüber Nutzern und Stakeholdern kann das Nutzenversprechen (Value Proposition) durch Prototypen kommuniziert werden. Der Prototyp hilft dabei, die Geschichte der geplanten Innovation zu inszenieren. Im besten Fall veranschaulicht der Prototyp Informationen adressatengerecht und dem Team gelingt bei der Herstellung des Prototyps ein Balanceakt: Notwendige Funktionen einzuarbeiten und gleichzeitig aktuell noch nicht wichtige Details wegzulassen.

4. Machbarkeit testen

Prototypen unterstützen dabei, Visionäre und Pragmatiker in produktiven Austausch zu bringen. Die Entwicklung von Prototypen hilft, abzuschätzen, ob und in welcher Zeit innovative Ideen überhaupt praktisch umgesetzt werden können. Durch Prototypisieren werden technische Hürden genauso sichtbar wie Prozessrisiken oder fehlendes Know-how. Show-Stopper werden sichtbar, bevor es teuer wird.

5. Wirtschaftlichkeit abschätzen

Ob ein Innovationsvorhaben wirtschaftlich ist, hängt vor allem von zwei Fragen ab: Was kostet der Spaß in der Entwicklung und was will der Nutzer dafür zahlen? Wenn die Machbarkeit gegeben ist, hilft die Erstellung von Prototypen dabei, zu kalkulieren, wie teuer es wird, ein Produkt bis zur Markreife zu entwickeln. In späteren Projektphasen können Entwickler mit Prototypen die Zahlungsbereitschaft sowie verschiedene Ertragsmodelle testen und vergleichen.

6. Nutzererlebnis testen

Prototypen erlauben den Abgleich zwischen dem Nutzenversprechen einer Innovation und dem, was das Team unter den gegebenen Rahmenbedingungen tatsächlich leisten kann. Bestimmte Prototypen erlauben in Nutzertests belastbare Rückschlüsse auf die spätere User Experience. Der gesamte Prototyp oder zumindest Kernmechaniken sind dafür in der Regel schon weit entwickelt. Der Nutzer kann eigenständig mit dem Produkt interagieren. Die ausgelösten Emotionen werden erfasst und mit den Designzielen abgeglichen.

Welche Art von Prototyp passt am besten?


Es gibt diverse Arten von Prototypen, die jeweils eine Daseinsberechtigung haben. Gleichzeitig zeichnen sich verschiedene Prototypen durch unterschiedliche Stärken und Schwächen aus. Welcher Prototyp am besten geeignet ist, hängt von der Art der Innovation (z.B. physisches Produkt, Prozessinnovation, inkrementelle Verbesserung oder disruptive Innovation) und dem aktuellen Entwicklungsstand ab. Das meint nicht, wie viel Zeit und Geld schon in die Entwicklung gesteckt wurde, sondern wie viel Wissen schon gewonnen werden konnte. Wie viel weiß ich schon über Anforderungen der Nutzerinnen, die Technologien, mein Team (Fähigkeiten und Geschwindigkeit) und mit welchen Kosten kann ich bis zur Fertigstellung rechnen?


Dem Nutzen von Prototypen gegenüber stehen die Kosten für ihre Entwicklung. Um den passenden Prototyp auszuwählen, muss das Team den Grenznutzen betrachten: Wie viel Zeit und Geld muss ich in den Prototyp stecken, um mehr zu lernen.


Es gilt dabei die Faustregel „je früher im Projekt, desto günstiger muss der Prototyp sein“. In frühen Phasen ist das Risiko für einen totalen Fehlschlag theoretisch am größten, weil die Wissenslücken noch am größten sind. Ziel ist es, nur das wirklich notwendige Geld zu verbrennen, falls die beim Test gewonnenen Daten dazu führen, dass die Entwicklung abgebrochen wird. Je später im Projekt ein Entwicklungsteam ist, desto näher muss der Prototyp am Endprodukt sein. Theoretisch sollten zu diesem Zeitpunkt alle Grundsatzfragen geklärt sein und Prototypen vor allem dazu dienen, die User Experience zu optimieren.

Alles zu theoretisch? Prototyping Beispiele gefällig? Hier geht’s zu einer kleinen, aber stetig wachsenden Liste von Prototypen.

Über den Autor

Daniel Herrmann

Ehemaliger Business-Kasper | Ausgewildertes Spielkind

Ich bin Game Thinker, Consultant und fanatischer Anhänger der Theorie Y. Meine Frau findet mich unfreiwillig komisch. Maximal 2 von 100 Menschen werden in Gesprächen mit mir dümmer.

Co-Founder von Monokel Consulting, Serious PlayScape und RokaEnergy.

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