Design thinking kritik

Design Thinking Kritik – Weltrevolution abgesagt?

Design Thinking wurde als Wunderwaffe im globalen Wettbewerb gepriesen. Jetzt hört man vermehrt Kritik an Design Thinking. Design Thinking wird jetzt möglicherweise auf dem Altar der Kirche der Skeptiker geopfert. Der Goldrausch ist vorbei. Aber ist Design Thinking von Grund auf falsch? Oder haben Berater und Entscheider eine Riesenchance verspielt?

Wie sich die Wahrnehmung von Design Thinking verändert

Auf der Bugwelle des Hypes wurde Design Thinking lange angepriesen. Viele Menschen waren begeisterte Menschen. Ein O-Ton aus einem meiner Workshops lautet: „Der beste interne Workshop, den ich hier in acht Jahren hatte.“

In letzter Zeit dreht sich aber die Stimmung. Kritische Stimmen werden wieder lauter. Es gibt Kritik an der schwammigen Definition von Design Thinking und daran, dass der Beweis für die Erfolgschancen von Design Thinking vor allem über Anekdoten und nicht über repräsentative Daten geführt wird. 

Ich habe auch schon mal folgenden Satz gehört: „Früher nannten wir es gesunden Menschenverstand und sind damit auch nicht weit gekommen.” Wird bei Design Thinking gesunder Menschenverstand schön verpackt und mit einem heftigen Preisaufschlag weiterverkauft? Es gibt auch Kritik an den Ergebnissen: „Wir haben für Design-Thinking-Workshops Mitarbeiter aus der ganzen Welt einfliegen lassen. War auch echt gut. Es wurde aber nur eine Idee umgesetzt: Das Menü der Cafeteria wurde an jedem Standort ins Intranet gestellt.“ Andere Kritiker sind einfach von immer wiederkehrenden Routinen ermüdet: „Weg mit den Klebezetteln!“


Auch in akademischen Veröffentlichungen wird Design Thinking zum Teil negativ als oberflächliche Modeerscheinung im Management bewertet. Studien zum Erfolg von Design Thinking kommen zum Schluss, dass Design Thinking dort funktioniert, wo die Unternehmenskultur ideale Voraussetzungen bietet. Also dort, wo Empathie, Experimentierfreude, Selbstorganisation und Respekt zur Unternehmenskultur gehören. In effizienz- und zahlengetriebenen Unternehmen führt Design Thinking nicht zu bahnbrechenden Innovationen und Markterfolgen.
In meiner eigenen Wahrnehmung führt Design Thinking zu häufig zu Enttäuschungen: Die ersten Workshops sind begeisternd, alle sind Feuer und Flamme, aber am Ende versandet das Projekt ganz langsam.
Aber ist es statthaft, dass der Design-Thinking-Methode zuzuschreiben?
Um diese Frage zu beantworten, nehme ich die Design Thinking Kritik genauer unter die Lupe. Man kann die verschiedenen Kritikpunkte in vier Kategorien unterteilen: Kritik am Begriff und an der Methode selbst, Kritik an Beratern, Moderatoren und Ausbildern, Kritik an den Entscheidern in Unternehmen und übergreifende Kritik, die sich schwer zuordnen lässt.

Design Thinking Kritik an der Methode und am Begriff

Prozess kann Genie nicht ersetzen


Es gibt die Idee vom „Genius Design“. Begnadete Menschen mit der Fähigkeit zum vernetzten Denken ziehen in einem vom Zufall geprägten Akt die richtigen Schlüsse und Innovation entsteht. Heureka! Kritiker von Design Thinking widersprechen der Idee, dass (fast jedes Team) durch einen Prozess in der Lage ist, durch das vorhandene Wissen aller Mitglieder Neues zu erschaffen.

Improvisation wird nicht berücksichtigt

Improvisation ist eine angeborene Fähigkeit von Menschen. Wissenschaftler sprechen von Bricolage. Das bedeutet, vorliegende Probleme durch Improvisation mit den verfügbaren Mitteln zu lösen. Dem gegenüber steht der Ansatz von Design Thinking, bei dem die Mittel zur Lösung Problems von Grund auf neu entwickelt werden. Bricolage führt nicht zu perfekten Lösungen, aber zu kreative Lösungen mit einem fantastischen Verhältnis von Aufwand und Nutzen.

master bricolage

Technologiegetriebene Innovation wird ignoriert

Design Thinking eignet sich vor allem, um Innovationen mit “Market Pull” zu entwickeln. Es gibt aber auch den Ansatz, erst neue Technologien zu entwickeln und dann nach Anwendungsfeldern für diese zu suchen. Unternehmen wie 3M sind damit seit sehr langer Zeit erfolgreich. Viele Design Thinker ignorieren, dass Human Centered Design nicht der einzige Weg zum Ziel ist.

Zu stark vereinfacht

In der unternehmerischen Praxis ist nur ein Teil von dem, was ursprünglich mal unter Design Thinking zusammengefasst wurde, relevant. Das vereinfacht nach Meinung der Kritiker den Sachverhalt zu stark. Die Scharlatane schieben jahrzehntelange Forschung darüber, was Design ist und wie es funktioniert, einfach zur Seite.

Keine Disruption möglich

Herauszufinden was Nutzer wollen ist Kernbestandteil von Design Thinking. Häufig geht es aber nur um Beobachtung der aktuellen Bedürfnisse, nicht um darum, zukünftige Bedürfnisse vorherzusehen. Innovationen, die Kunden überraschen, haben keine Chance. Aktuelle Bedürfnisse mit großen und kleinen Veränderungen zu verknüpfen, um so disruptive Innovation zu ermöglichen, erfordert außergewöhnliche Denkleistungen. In Workshops und eng getakteten Projekten ist dafür aus Sicht der Kritiker keine Zeit.

Privilegierung des Designers

Im Design Thinking steht Empathie laut Kritikern nur am Anfang. Sie beschreiben einen pseudo-einfühlsamen Prozess, in dem privilegierte Designer immer noch für Zielgruppen und nicht mit Menschen zusammen entwickeln. Im Ergebnis werden Produkte entwickelt, die der Nutzer vielleicht theoretisch will, aber praktisch nicht gebrauchen kann.

Design Thinking Kritik an Beratern, Moderatoren und Ausbildern

Zum Workshopformat verkümmert

In den Köpfen vieler Vordenker ist Design Thinking eine Facette der persönlichen Haltung oder fester Bestandteil einer Unternehmenskultur. Mindestens aber ist es ein Paradigma für den gesamten Produktentwicklungsprozess. Es ist keine Moderationsmethode für zweitägige Workshops. Wer Design Thinking auf kurze Workshops beschränkt, verschenkt erstens das Potential der Methode und ruiniert zweitens ihren Ruf. Der Mikrozyklus aus Problemdefinition, Idee, Prototyp und Test sollte während der Produktentwicklung durchgängig angewendet werden. Nicht nur bis zur Fertigstellung der ersten Bastel-Prototypen.

Zu linear gedacht

Innovationsprojekte verlaufen oft auf verworrenen Pfaden. Darstellungen zu Design Thinking – wie der Design Thinking Double Diamond – lassen es so aussehen, als wäre das bei Design Thinking anders. Auf eine kleine Aufgabe folgt eine Lösung, folgt eine Aufgabe, folgt eine Lösung, usw. Ohne Umwege landet man so bei massiven Innovationen. Das ist weltfremd und entspricht nicht der Idee von Design Thinking. Auch hier können neue Erkenntnisse (z.B.Testergebnisse) dazu führen, dass Schritte wiederholt werden. Design Thinking muss die die notwendige Freiheit für disruptive Veränderungen erhalten. Wenn Design Thinking nur noch Raum für inkrementelle Verbesserungen lässt, ist es so überflüssig wie die Kritiker behaupten.

Zu viele Amateure und Blender

Zu viele Berater und Moderatoren sind selbst keine Designer, sie können nichts bauen, sie können nichts programmieren oder zeichnen. Sie haben waren auch noch nie Teil von agilen Teams. Am Ende können sich nicht dabei helfen, die Ergebnisse von Design-Thinking-Workshops auf die nächste Stufe zu hieven. Das ist ein Grund, weshalb Innovationsprojekte auch mit Design Thinking scheitern.

Zu wenig Strategie und Analyse

Am Anfang von Design-Thinking-Projekten fehlt nicht selten die strategische Brille. Eine Analyse der Rahmenbedingungen findet nicht statt. In der Folge werden tolle Lösungen für Kundenprobleme erarbeitet, ohne dass es das Unternehmen nach vorne bringt.

Zu große Erwartungen geweckt

Fast jeder, der schon mal was von Design Thinking gehört hat, kennt die fantastischen Case Studies. Die Geschichte von den Computertomographen für Kinder ist beeindruckend. So beeindruckend, dass ich die auch schon mal in einem Akquisegespräch erwähnt habe. Ich habe aber dabei nicht die Erwartungshaltung geweckt, dass bei jedem Mittelständler oder in jedem Berliner Headquarter mit Kickertisch innerhalb von zwei Tagen auch sowas rauskommt. Kostet auch nur ein paar tausend Euro für einen zwei Tagesworkshop. Dass bei den Case Studies auf die ersten Workshops noch aufwendige Projekte zur Umsetzung folgten, wird verschwiegen. Dass dabei nicht nur Sachbearbeiter und Buchhalter teilgenommen haben, sondern auch kreative Halbgenies mit jahrelanger Erfahrung und eingespielten Teams, steht auch nur im Kleingedruckten.

Verkauf als „eine Lösung für Alle“

Es wird zum Teil so dargestellt, als wäre Design Thinking eine fertige Methode, die überall passt. Aber selbst Vordenker von Design Thinking sagen, dass das richtige Zusammenspiel aus Methode und Kontext wichtig ist. Die Methode muss zumindest in Teilen individualisiert werden.

Zu viele Menschen, die noch nie eine eigene Innovation hervorgebracht haben, haben mit falschen Versprechen zu hohe Erwartungen geweckt.

Design Thinking Kritik an den Entscheidern im Unternehmen

Stückwerk statt Gesamtwerk


Es gibt Führungskräfte, die halten zwei Tage Workshops für ausreichend. Sonst muss man nichts ändern und morgen ist das Unternehmen innovativ. Die Transformation kommt von ganz alleine. Aber das ist wie Diät-Cola zum Big Mac Maxi-Menu. Jedem sollte klar sein, dass das keine Diätmahlzeit ist. Es sollte auch jedem klar sein, dass Design Thinking keine Arche ist, die das ganze Unternehmen durch die digitale Transformation bringt.

Innovationsprozess wird nicht verändert

Manche Firmen machen den ersten Schritt gemacht und vergessen den zweiten. Sie bringen viel Mut auf und geben viel Geld für Workshops aus, aber setzen die Ideen dann nicht agil um. Auf Design Thinking folgt dann der alte Entwicklungsprozess – ohne ausreichende Freiheit für Weiterentwicklung der Idee zur marktreifen Lösung.

Angst vor Blamage


Gerade wenn Design Thinking neue eingeführt wird, haben Unternehmen Angst vor Fehlern. Anstatt Partner und Kunden einzubinden, wird das Projekte im geschlossenen Labor umgesetzt. Erst fällt die User Research flach. Statt Interviews werden beim Trockenschwimmen klischeehafte Personas erstellt. Später werden die Prototypen nicht getestet. Wer will sich schon mit halbfertigen Ergebnissen blamieren? Die Kunden erwarten doch Perfektion. Die Wahrscheinlichkeit, so zu Markterfolgen zu kommen ist natürlich gering. Und das muss ja dann am Design Thinking liegen.

Design Thinking Kritik: Was wird noch diskutiert?

Reflektion und Kontextbetrachtung fehlen

Nach den Entwicklungsprojekten fehlen Retrospektiven. Es besteht vor zu viel Begeisterung kein Interesse daran, die Arbeit und den Kontext im Unternehmen zu reflektieren. Feedback beschränkt sich auf Design Thinking als Methode. Niemand stellt in Frage, was im Unternehmen geändert werden müsste, um im nächsten Projekt noch besser zu sein. Design Thinking trägt deshalb häufig nichts zur Adaptionsfähigkeit von Unternehmen im Wettbewerb bei.

Zu häufig mit zu wenig zufrieden

Das hat schon mal jemand besser gesagt als ich es könnte:

„Design Thinking is a methodology that sells innovation and mind-blowing discoveries but the truth is that we are training designers and non-designers to be happy with half-ass work that uses a lot of time and money.“

Hier gefunden.

In einem Workshop hat das Design Team die Spitze des Eisbergs entdeckt. Danach folgt der langwierige und frustrierende Teil der Arbeit. Für manche Mitglieder des Teams der richtige Moment, um bis zum nächsten Workshop auszusteigen.

Design Thinking im Beiboot

Manager und Berater kommen häufig zum Schluss, dass Design Thinking super nebenbei läuft. Alle rationalen Prozesse können unverändert weiterlaufen. Es ist dabei schwer zu bewerten, ob in solchen Situationen darauf spekuliert wird, dass das Beiboot doch irgendwie den Tanker transformiert oder ob Design Thinking so beliebt ist, weil sich so nichts verändert.

Die Verteidigung von IDEO und HPI

Verfechter von Design Thinking sagen, dass Kritik natürlich legitim ist. Es gibt grandiose Erfolgsbeispiele für Design Thinking und peinliche Anekdoten über heftige Fehlschläge. Da gibt es viel zu kritisieren, aber trotzdem ist Design Thinking eine hervorragende Methode. Wenn Design Thinking nicht funktioniert, dann häufig, weil Unternehmen nicht genug Aufwand betrieben haben. Es wurde nicht genug investiert, um die Unternehmenskultur zum Besseren zu wandeln.
Grundsätzlich kann ich diese Argumentation sogar nachvollziehen. Allerdings docken auch hier die Argumente der Kritiker an: In der Werbung der Design Thinker steht zu oft: Design Thinking geht schnell und tut nicht weh. Und nebenbei ändert sich die Kultur. Und nicht: Ihr müsst erst in einen mehrjährigen Transformationsprozess die Kultur ändern und dann läuft es irgendwann auch mit Design Thinking

Fazit zur Design Thinking Kritik

Design Thinking ist eher missbraucht als fehlgestaltet. Für Produktentwicklung funktioniert es gut, aber die transformatorische Kraft reicht nicht aus, um Unternehmen tiefgreifend zu verändern.
Schuld daran sind wie immer zwei Seiten: Die Quacksalber mit dem Wundermittel im Angebot und die unerfahrenen Entscheider, die es kaufen, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten.
Trotzdem besteht kein Grund für eine Traueranzeige. Stattdessen folgt auf Sturm- und Drang einfach mehr Realismus. Die übriggebliebenen Verfechter und Praktiker haben aber eine schwierige Aufgabe vor sich: Design Thinking gegen den nächsten Hype verteidigen.

Über den Autor

Daniel Herrmann

Ehemaliger Business-Kasper | Ausgewildertes Spielkind

Ich bin Game Thinker, Consultant und fanatischer Anhänger der Theorie Y. Meine Frau findet mich unfreiwillig komisch. Maximal 2 von 100 Menschen werden in Gesprächen mit mir dümmer.

Co-Founder von Monokel Consulting, Serious PlayScape und RokaEnergy.

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